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Feb 082010
 

Planet BPM – 2009

BERLIN: Kerstin Ahlers im Gespräch mit Romeo Niram

Romeo Niram wurde im Jahr 1974 in Bukarest geboren. Er studierte Malerei an der Universität der Schönen Künste in Bukarest. Im Jahr 1997 verließ er Rumänien und hielt sich  seitdem in der Türkei, in Deutschland und in Portugal auf. Seit 2007 lebt er in Spanien.

Als seine wichtigsten Werke werden die Zyklen Ensaio sobre a lucidez (2006) und Brâncusi: E=mc2 (2007) bezeichnet, welche in Personalausstellungen in Portugal und Spanien präsentiert wurden. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist er in verschiedene Projekte zur Förderung der rumänischen Kultur sowie zur Herstellung künstlerischer und kultureller Beziehungen zwischen Rumänien, Israel, Spanien, Portugal und Deutschland eingebunden.

Herr Niram, wie haben Sie den Weg zur Malerei gefunden?

Ich begegnete der Kunst in der achten Klasse bevor ich 14 Jahre alt wurde. Der Maler Corneliu Baba besuchte den Zeichenunterricht einer ruhmlosen und unbekannten Schule, an der ich Schüler war.

Kurz darauf suchte ich regelmäßig nach der Schule, aber auch wenn ich eigentlich in der Schule hätte sein müssen, das Atelier des Malers auf. Dort sah ich ein Bild, das noch in Arbeit war. Dieses Bild faszinierte mich und verwandelte mich für die nächsten zwei Jahre in einen disziplinierten und entschlossenen Schüler des Malers. Ich war davon gefesselt jene Magie, eine Welt nur mit einem Pinsel zu kreieren, zu erobern. Ich war hingerissen von dem Mysterium, durch welches die hässlichen Farben von der Palette über den Pinsel des Malers auf eine dreckige Leinwand gelangten und sich in ein Bild verwandelten, welches mit der Realität konkurrierte. Es wurde eine schönere Welt als die reale geschaffen. Ohne die Begegnung mit Corneliu Baba, hätte ich die Welt der Kunst vielleicht nie betreten. Wahrscheinlich hätte ich den Weg zur Physik eingeschlagen. Heute würde ich mich viel klarer in einem Physiklaboratorium sehen als in einem Atelier. Aber es ist zu spät. Ich kann nichts anderes…

Sie haben in verschiedenen Ländern (Israel, Türkei, Rumänien, Deutschland, Spanien und Portugal) gelebt und ausgestellt. In welchem Sinne sind Reisen und Aufenthalte im Ausland für das Werk eines Künstlers oder für seine Bekanntheit wichtig?

Als Künstler berühmt zu sein ist keine Priorität. Es gibt Fußballspieler, die viel populärer sind als der Maler Franz Ackermann, oder Fernsehstars berühmter als der Physiker Stephen Hawking, oder Boxer beliebter als der Schriftsteller José Saramago. Für das Leben der Kunstwerke jedoch kann man die Kunstwelt nicht auf ein Stadtviertel reduzieren, man muss sie persönlich kennen lernen. Indem man die Welt kennen lernt, wird sie die Werke kennen lernen. Ich weiß wie der Fußballspieler David Beckham aussieht, aber ich weiß nicht auf welcher Position er spielt. Jedoch, ohne mich gut an die körperlichen Formen des Künstlers Franz Ackermann erinnern zu können, kenne ich sein faszinierendes Werk sehr genau. In 30 Jahren wird der Schatten des englischen Fußballspielers nur eine lokale Erinnerung sein, aber das Licht der Werke des Deutschen Franz Ackermann wird in den Museen der Welt thronen. Das Kennenlernen der Welt führt zur Anerkennung und zum Wiedererkennen der Werke.  Das ist das Wesentliche des künstlerischen Selbstexils, gelebt von Picasso, Modigliani, Dali, Brâncusi, Ernst (Max), Rubens etc.

Gibt es bestimmte Gründe, warum Sie sich für eben diese Länder entschieden haben?

Die kulturellen Kontraste zogen mich an. Ich versuchte das Labyrinth des menschlichen Denkens malerisch zu „beschreiben“. Der Ort an dem ich provisorisch anhielt, um bestimmte Bilder zu malen, oder der Platz, dessen Architektur ich nutzte, oder die Person, die ich als „Subjekt“ wählte, sind nicht relevant, sondern die Erfahrung der letzten Reise hinter jedem Bild.

Haben die Reisen Ihre Kunst beeinflusst? Finden sich die verschiedenen Kulturen in Ihrem Werk wieder?

Reisen sind von entscheidender Bedeutung. Begegnungen mit anderen Horizonten bereichern uns nicht unbedingt, aber sie helfen uns beim Aufbau einer eigenen, kohärenten und klaren Sprache. Wie die menschliche Erinnerung sich bruchstückartig manifestiert und wir, in ihrer Basis, ein eher abstraktes Denken haben, können uns die scheinbar verstreuten Einflüsse labyrinthisch zur Entwerfung eines einheitlich konstruierten Werkes führen, paradoxerweise, aus verbündeten Fragmenten. Zum Beispiel habe ich in Deutschland vor einem Bild von Franz Ackermann die Lösung der Sprache eines Bildes gefunden, an welchem ich in Lissabon arbeitete. Es ging um die politische Myopie von Eliade[1]. Ackermann „zeigte“ mir die Grammatik seiner Sprache, indem er mir indirekt offensichtlich suggerierte, welche Abänderungen ich meiner Sprache bringen könnte, um fähig zu sein, die Besessenheit oder die Loyalität von Mircea Eliade für seinen Mentor, Nae Ionescu[2] auszudrücken. Dabei steht nicht die Darstellung der Beziehung zwischen Mircea Eliade und Nae Ionescu im Vordergrund, sondern das „Ausleihen“ aus dem Werk des deutschen Malers, um das Konzept der Loyalität oder der Besessenheit malerisch umsetzen zu können. In dem „Selbstbildnis“ Albrecht Dürers von 1500 (Alte Pinakothek, München) zum Beispiel, kann die Tatsache, dass der Künstler sich selbst malte, indem er das Gesicht Jesu andeutete, sekundär sein. Vorrang hat der Einfluss der italienischen Renaissance, aufgrund der Tatsache, dass Dürer sich zu dieser Zeit in Italien aufhielt.

Sie haben auch in Deutschland ausgestellt. Wo und was haben Sie ausgestellt und wie wurde Ihre Kunst dort aufgenommen?

Von 1998 bis jetzt hatte ich das Privileg, fünf Mal in Deutschland auszustellen, und zwar in Berlin und Köln. Ich mochte die Stadt Köln sehr und ich mag sie immer noch. Ich verbrachte die Abende damit, alleine am Ufer des Rheins spazieren zu gehen. Bevor ich die Stadt besser kannte, orientierte ich mich immer an der Domspitze. Die ersten Bilder, die in Deutschland ausgestellt wurden, sind aus einer frühen Schaffensphase, die ich heute nicht wieder erkenne. Diese Bilder waren eine Suche. Für mein Niveau zu jenem Zeitpunkt, in welchem Maße man auch immer von einem Niveau sprechen kann, hatte ich eher Erfolg auf dem Markt. Ich habe die Mehrheit der Arbeiten verkauft ohne jedoch ein wesentliches Echo von Kollegen derselben „Zunft“ zu bekommen. Die Arbeiten erreichten nicht das Niveau der Künstler aus Deutschland. Sie waren weit davon entfernt. Zu dieser Zeit war ich ein Laie im Gegensatz zu den Kollegen aus Berlin und Köln, ein Schüler am Anfang seines malerischen Schaffens.

Welche Meinung haben Sie über Deutschland als Standort für Kunst?

Deutschland bot mir eine „Lehrstunde“ wie ich sie bis heute in keinem anderen Land bekommen habe. Wir sollten nicht vergessen, dass Berlin seit mehr als 20 Jahren das Weltzentrum für zeitgenössische Kunst ist. Die Giganten der Kunst „wohnen“ heute in Berlin. Ich fühlte mich wie ein Lehrling in einer Welt von Meistern, von Beherrschern des zeitgenössischen künstlerischen Konzeptes. Besonders, weil ich noch am Anfang des Weges stand, als ich Deutschland betrat. In allen Gruppen war ich der Jüngste von allen. Somit ist es für mich nicht wichtig wie die Deutschen mich aufgenommen haben, sondern was ich von ihnen bekommen habe.

Gibt es einen deutschen Maler, der Ihnen besonders gefällt?

Sie haben die Zeitschrift Niram Art als eine Plattform zur Kommunikation zwischen Künstlern und Galeristen gegründet. Im letzten Jahre haben Sie einen weiteren Raum der Begegnung mit dem Namen Espacio Niram Bar & Lounge geschaffen. Sehen Sie Schwierigkeiten bezüglich der Kommunikation zwischen Künstlern und Galeristen oder zwischen den Künstlern untereinander?

Heutzutage steht die Kunst jedem zur Verfügung. Der Luxus stellt nicht mehr den Zugang zu den Geheimnissen der Kunst dar (nur in der Bedeutung vielleicht). Die Kontaktaufnahme zwischen Künstlern und den Vertretern der Galerien ist relativ einfach. Die Schwierigkeit findet sich eher in der Verfügbarkeit und Möglichkeit des Künstlers auszustellen. Es gibt Platz für jeden, jedoch der Wunsch dort auszustellen, wo du das Bedürfnis verspürst präsent zu sein, zieht eine Unruhe in der Arbeit mit sich.

Man braucht eine dritte Entität, die dem Künstler den Zugang zu den Galerien vermittelt, ihn also von den administrativen Anstrengungen entbindet. Das ist die Rolle einer Kunstzeitschrift. Sie soll informieren, bei der Kontaktaufnahme helfen und eine Unterstützung für die Ausstellung sein. Die Zeitschrift gehört mir nicht mehr, sie hat einen neuen Besitzer, aber sie organisiert weiterhin mit Erfolg Ausstellungen, sie erleichtert den Austausch, bietet Unterstützung an und vor allem stellt sie Künstler in einer unzugänglichen Welt der Kunst vor. Die Bar & Lounge Espacio Niram setzt das Projekt der Kunstzeitschrift in einer aggressiveren und weniger virtuellen Form fort, indem sie Möglichkeiten physischer Begegnungen bietet.

An welchem Projekt arbeiten Sie gegenwärtig? Was sind Ihre Pläne für die Zukunft, auch hinsichtlich Ihrer Ausstellungen und Projekte in Deutschland?

Ich habe ein neues Projekt, welches mit einem Auftrag seitens der königlichen Garde Spaniens „Reales Tercios“ zusammenfällt. Ich hatte in einer Zeichnung ein Konzept begonnen, in welchem ich im selben „Universum“ die klassische Kunst (Renaissance) mit dem Surrealismus und dem Abstrakten verschmelzen lasse. Der General und Präsident der königlichen Garde „Reales Tercios“ José Manuel Fuentes Cabrera bat mich um ein Bild, auf dem der Kronprinz Filipe und die Prinzessin Letizia dargestellt werden sollten. Ich habe in diesem Bild die schon erwähnte Verschmelzung von Renaissance, Surrealismus und Abstraktem umgesetzt (erinnernd an Leonardo da Vinci, Salvador Dali und Constantin Brâncusi). In Berlin werden in Zukunft auch einige Projekte verwirklicht, weil ich weiß, dass ich nicht sehr lange der Versuchung seitens der Kunstwelt Berlins widerstehen werde. Wenn du heutzutage nicht in Berlin bist, existierst du nicht.

[1] Mircea Eliade (1907-1986) war rumänischer Religionswissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller.

² Nicolae C. Ionescu (1890-1940) war rumänischer Philosoph, orthodoxer Theologe, Universitätslehrer und Journalist. Es war Lehrer von Mircea Eliade.